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Filmklasse am HBBK in Marl - Vorbereitung für Ausbildung und Studium

Das Thema „Filmbildung in der Schule“ hat Konjunktur. Von der Forderung nach Aufnahme in die Kernlehrpläne über die Idee sie stärker im Fach Kunst zu verankern bis hin zur Profilbildung im fächerübergreifenden Verbund „Kunst“, „Musik“, „Darstellendes Spiel“ bzw. „Deutsch“ werden viele Vorschläge zur Umsetzung diskutiert. Unterstützung kommt von prominenter Seite. Wim Wenders sprach am Mai 2010 vor der Gemischten Kommission der Kultus-ministerkonferenz und forderte eine Grundausbildung für Lehrer in Filmbildung. Auch Jo Baier setzte sich auf einem Workshop des Adolf Grimme Instituts im September 2010 dafür ein, dass Medien und hier v.a. das Bewegtbild stärker und verbindlich im Unterricht berücksichtigt werden.

Film ist das Leitmedium des 21. Jahrhunderts, dem endlich ein gebührender Platz in der Schule zusteht. Es sind nicht mehr Bücher, nicht Texte, deren Rezeption uns in der Welt verortet, sondern die Rezeption von Bildern (s. auch: Ruth Gschwendter-Wölfle, Sehen ist lernbar, 2007). Vor diesem Hintergrund hat das Bewegtbild im Unterricht am Hans-Böckler-Berufskolleg vor allem im Fachbereich „Wirtschaft+Medien“ einen großen Stellenwert. Dort wird zurzeit in fünf Vollzeitbildungsgängen und damit in 15 Klassen Film als Fach unterrichtet. Dabei werden alle Distributionswege, über die Film verbreitet wird, berücksichtigt. Es geht also nicht nur um Film als Kunst, sondern auch um Film als Informations-, Bildungs- und Unterhaltungsträger.

Vorbereitungsklasse

In den letzten Jahren gab es zunehmend Anfragen von Schülerinnen und Schülern nach vertiefenden Kenntnissen in Bezug auf Film. Das war für das Hans-Böckler-Berufskolleg Anlass, sein Profil als Medienschule auszubauen und eine „Filmklasse“ einzurichten. In der Diktion der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Berufskollegs (APO-BK) verbirgt sich dahinter eine „einjährige Berufsfachschule für Hochschulzugangsberechtigte, Fachrichtung Gestaltung, Schwerpunkt Audiovisuelle Medien.“ Ziel dieser Filmklasse, in dieser Form einmalig in der deutschen Schullandschaft, ist die Vorbereitung auf ein Filmstudium bzw. die Aufnahmeprüfung für die Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton. Insofern sind die Inhalte entsprechend ausgerichtet. Nach Kontakten und Gesprächen mit Filmhochschulen, dem WDR und Ausbildungsbetrieben ist so eine Stundentafel entstanden, die sich in drei Fächerkategorien aufteilt: Gestaltungslehre (Bildgestaltung, Dramaturgie, Montagetheorie) als erstes Hauptfach (10 Stunden), Gestaltungstechnik (Digitale Bildbearbeitung, Bild- und Tontechnik, Postproduktion und Multimediaproduktion) als zweites Hauptfach (10 Stunden) sowie Deutsch, Englisch, Mathematik, Politik und Wirtschaft (9 Stunden) als allgemein bildende Fächer. Hinzu kommt ein Differenzierungsbereich (Zeichnen und Fotografie) mit dre Stunden sowie ein 4-6wöchiges Praktikum. In den Hauptfächern werden die Schülerinnen und Schüler von einem Regisseur und Kameramann sowie einer Cutterin unterrichtet, aber auch sonst kommen die Lehrerinnen und Lehrer alle aus der professionellen beruflichen Praxis. Damit ist auf jeden Fall gewährleistet, dass die Ausbildung professionellen Standards entspricht. Zudem konnte der WDR als Kooperationspartner gewonnen werden und bietet im Rahmen der einjährigen Ausbildung zwei Kameraworkshops, zwei Praxistage in den Studios in Köln an und stellt vier Praktikumsplätze zur Verfügung. Hinzu kommen Praktikumsplätze bei Produktionsfirmen in England.
Ziel ist, dass alle Schüler neben dem Erwerb theoretischer Kenntnisse ein Film-produkt an verantwortlicher Stelle erstellt haben, sei es einen Kurzfilm, ein journa-listisches Format oder ein crossmediales Produkt.

Die Fächer

Die Inhalte der Hauptfächer zielen auf einen kompetenten Umgang mit Aufnahmetechnik, Schnitt, Dramaturgie und Gestaltung, Ton- und Fernsehtechnik, Beitragsproduktion (Film und Fernsehen) und Produktionsorganisation.
Konkret bedeutet das für den Bereich Bildgestaltung (Kamera), dass vor allem die bildgestalterischen Mittel und die Filmauflösung im Mittelpunkt stehen oder anders: Die Kamera als Ausdrucksmittel und als Erzähler.
In Dramaturgie werden die Grundmuster der Filmdramaturgie vermittelt, die immer wiederkehrenden Themen, der dramatische Konflikt, die Bauformen und Erzählstrukturen. Und natürlich geht es um die Frage: Wie wird Spannung erzeugtä Neben der nötigen Theorie werden diese Themen an Filmbeispielen (so erhalten die Schüler auch einen Überblick über die Filmgeschichte) illustriert. Am Ende des Schuljahres sollte jede Schülerin und jeder Schüler zumindest ein gut funktionierendes Skript verfasst haben.
Der Bereich Postproduktion umfasst all die Arbeiten, die nach Beendigung der Dreharbeiten beginnen. Da geht es zum Einen um die Beherrschung der elektronischen und digitalen Techniken am Schnittrechner, das Arbeiten mit professionellen Schnittsystemen wie Avid und Premiere und Digital Compositing mit dem Programm „After Effects“. Zum Anderen geht es um Montagekonzepte. Die Schülerinnen und Schüler lernen dies durch die Auseinandersetzung mit verschie-denen Montageformen, durch Analyse von Filmsequenzen und durch Schnittübungen und Schnittexperimenten an vorgegebenem Material. Beim Schnitt und der Montage des eigenen Films werden dann die Kenntnisse angewandt.
Insgesamt ist das eine Jahr sehr praxis- und handlungsorientiert ausgerichtet. Die Schule verfügt über ein Fernsehstudio, ein mobiles Fernsehstudio, 8 EB-Einheiten und 25 Schnittplätze, an denen mit Avid bzw. Premiere Pro gearbeitet wird.

Erste Erfahrungen

Nach dem ersten Durchgang lässt sich sicherlich noch kein abschließendes Resümee über das Konzept der Filmklasse ziehen. Allerdings wird deutlich, dass die Hauptfächer viel Zeit auch außerhalb der Schulzeit in Anspruch nehmen, weil diese im Mittelpunkt des Interesses der Schülerinnen und Schüler stehen. Vor diesem Hintergrund wurde im zweiten Durchgang die Stundentafel dahingehend modifiziert, dass die Schülerinnen und Schüler im Rahmen von Selbstorganisiertem Lernen den Unterricht mit einer Kernarbeitszeit von 8.30 Uhr bis 13.00 Uhr als Redaktion organisieren – mit Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer. Die Schülerinnen und Schüler ordnen sich jeweils einem Gestaltungsbereich (Kamera, Ton, Schnitt) zu. Aus diesem Pool werden dann die Teams zusammengestellt, die die jeweiligen Filmprojekte der einzelnen Schülerinnen und Schüler umsetzen. So ist jede/r als Autor/in tätig sowie (für ein anderes Projekt) in einem anderen Gestaltungsbereich. Bei dieser Neuorganisation fällt dann das zweiwöchige Projekt mit einem Filmschaffenden weg.
Die Filmklasse findet Beachtung bei Filmhochschulen und Produktionsfirmen, mit denen wir in Kontakt sind. Die Schülerinnen und Schüler können davon ausgehen, dass das Angebot ihnen bei einer Bewerbung auf jeden Fall Vorteile bringt, inhaltlich wie formal, z. B. als Anerkennung eines Praxisjahres für die Aufnahme an einer Filmhochschule.

Ines Müller (Foto: Stephan Sagurna)

Autorin:
Ines Müller

OStR’ und Dipl. Kamerafrau unterrichtet Film, Fotografie und Medienerziehung am Hans-Böckler-Berufskolleg in Marl. Zur Zeit ist sie freigestellte Lehrerin beim Projekt FILM+SCHULE NRW, einer gemeinsamen Initiative des Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW und dem LWL-Medienzentrum für Westfalen

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Kamerafrau

Kamerafrau im Unterricht
(Foto: U.Herzog)

Dreh eines Videoclips

Dreh eines Videocips
(Foto: L.Hansen)