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Fächerverbindende Projekte als Chance für den Religionsunterricht

Das Schulprogramm des Hans-Böckler-Berufskollegs führt als zentrales Bildungsziel die Förderung „der optimalen Selbstentfaltung aller Schülerinnen und Schüler zu einer umfassenden Handlungsfähigkeit im beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Leben“ an. Der Didaktiker Alfred Riedl weist aber darauf hin, dass häufig eine Kluft zwischen Schulwirklichkeit und dem „wahren Leben“ besteht. Diesem Problem steht man oft als Religionslehrer gegenüber, da bei vielen Schülerinnen und Schülern eine spezifisch katholische oder auch Christliche Sozialisation kaum mehr auszumachen ist.

Durch geeignete Projekte kann nach dem Pädagogen Prof. Karl Frey diese Kluft zwischen Schule und „wahrem Leben“ überbrückt werden. Das gemeinsame Schaffen in realen Situationen und an realen Gegenständen fördert die produktive Phantasie, die individuelle Entfaltung, die gesellschaftliche Entwicklung und die Identifikation mit dem Produkt (vgl. Riedl, A: Grundlagen der Didaktik 2004, 131). Das Hans-Böckler-Berufskolleg bietet durch sein Schulprogramm diesen Raum für Projekte, da es gerade in dieser Art von ganzheitlicher handlungsorientierter Bildung im Medium des Berufs seinen pädagogischen Auftrag und seinen Beitrag zum lebenslangen Lernen als erfüllt sieht. In meinem Religionsunterricht konkretisiert sich dieser Gedanke besonders in fächerverbindenden Projekten, die ich zusammen mit meinen Schülerinnen und Schülern durchgeführt habe. Zum Einen sollten dabei verschiedene Fachinhalte unter einer übergeordneten gemeinsamen Aufgabenstellung integriert werden. Zum Anderen sollte die Kluft zwischen schulischem Religionsunterricht und „wahrem Leben“ und die Kluft zwischen Religionslehre und Fächern mit Berufsbezug überbrückt werden. Neben der Stärkung grundlegender Kompetenzen religiöser Bildung wurde den Schülerinnen und Schülern bei den angeführten Projekten die Gelegenheit geboten, ihre besonderen kreativen, organisatorischen oder sozialen Begabungen im und über den Unterricht hinaus weiter zu entwickeln und diese einer Öffentlichkeit zu präsentieren.

Religion und Kunst – Ein Wettbewerb
Der Weg zur Kirche ist manchmal weit, manchem zu weit. Als Organisatoren der Gottesdienste unseres Berufskollegs in Marl ist uns aufgefallen, dass die Zahl der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren zurück gegangen ist. Ein Grund dafür könnte ein mangelndes Interesse an religiösen Veranstaltungen oder die große Entfernung zur nächsten Kirche sein. Der Volksmund sagt: „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg.“ Wir probierten daraufhin, den Weihnachtsgottesdienst in das große Präsentationzentrum unserer Schule zu verlegen, doch dafür mussten wir zusammen mit Schülerinnen und Schülern erst einmal einen Kirchraum gestalten. Inspiriert vom Kloster in Taizé haben wir durch Bodenmatten, bunte Lichter, Kerzen und Tücher einen würdigen Gebetsraum in unserer Schule geschaffen. Die Mühe hat sich gelohnt. In unserem neuen Kultraum gab es keinen freien Platz mehr. Nach der großen Resonanz an Weihnachten wollten die angehenden Abiturienten der M-AM 13 dieses Konzept für ihren Abiturgottesdienst übertragen. Die beim Gottesdienst im Dezember noch improvisierte Dekoration sollte sich nach Meinung der Schülerinnen und Schüler aber in einen der Abiturfeier entsprechenden, würdigen Altarraum wandeln. Unterstützung bei der Umsetzung fanden wir an unserer Schule im Bereich Pädagogik und im Bereich Medien. Eine Klasse mit angehenden Erzieherinnen nähte unter Anleitung ihrer Lehrerin, Felicitas Real, meterlange Segel, die sich von der Decke abhängen lassen sollten. Die M-AM 11 mit dem Leistungskurs Kunst wurde hingegen mit dem Entwurf eines Kreuzes betraut. Ihr Kunstlehrer Ulrich Rosenstengel und ich, als Religionslehrer, haben daraufhin einen Wettbewerb innerhalb der Klasse ausgerufen. Mit der finanziellen Unterstützung des Fördervereins unserer Schule konnte der 1. Preis sogar mit 100€ plus Übernahme der Kosten für die Umsetzung dotiert werden. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiteten sich im Religionsunterricht die Bedeutungsebene und die Hintergründe des christlichen Symbols, während im Kunstunterricht Arbeitsmodelle im Maßstab 1:10 gefertigt wurden. Nach wochenlanger Arbeit vergab die Jury, bestehend aus Abiturienten, den ersten Platz an die Schülerin Laura Di Betta. Gefallen hat die Schlichtheit ihres Entwurfs. Zudem kann das Netz zwischen dem Rahmen aus dicken Bambusrohren für verschiedene Themen interaktiv genutzt werden. Die vielen Besucher des Abiturgottesdienstes zeigten sich von der neuen Kulisse beeindruckt.

Religion und Radio – Eine Geschichte aus dem Leben
Die Klasse M-FD11b wurde mir zu Beginn des Schuljahres 2011/2012 mit den Fächern Medienproduktion - Schwerpunkt Radio - und in katholischer Religionslehre zugeteilt. Da eines der genannten Fächer dem berufsbezogenen und eines dem berufsübergreifenden Lernbereich zugeordnet ist, hat sich für die Lerngruppe die Möglichkeit für ein fächerübergreifendes Projekt ergeben. Mit der Produktion einer Radiosendung für das „Studio28“, Schulradio des Hans-Böckler-Berufskollegs, über die „Zehn Gebote“ sollte dieses Vorhaben realisiert werden. Über mehrere Wochen hinweg entwickelten Kleingruppen mit je zwei bis drei Schülerinnen und Schülern einen Beitrag zu einem der Gebote in Anlehnung an das WDR-Sendeformat „Kirche in 1live“. Mit diesem Projekt wird einerseits der angestrebte berufliche Bezug zum Ausbildungsschwerpunkt Medientechnik hergestellt, da die Schülerinnen und Schüler während des Projektes die Elemente eines gebauten Beitrags und den Audioschnitt im Fach Medienproduktion erlernten. Andererseits wird mit der Anfertigung eines Medienproduktes der landläufigen performativen Didaktik im Religionsunterricht voll entsprochen. Vor der Produktion analysierten die Schülerinnen und Schüler für ein einheitliches Sendekonzept Beispielsendungen von „Kirche in 1Live“. Sie erkannten, dass in diesen Beiträgen häufig eine Glaubensaussage in Beziehung zum alltäglichen Leben gesetzt wird. Dieses Prinzip wollten die Schülerinnen und Schüler auch in ihren Beiträgen umsetzen. Als Grundlage erarbeiteten sie sich die religionsgeschichtliche Bedeutung der „Zehn Gebote“. Die Struktur der zehn Beiträge ist einheitlich:

  • Am Anfang hören wir eine Geschichte, die eine Situation des heutigen Lebens problematisiert. Die fiktiven Personen in den Geschichten durchleben einen inneren Konflikt, der auch bis zum Ende nicht gelöst wird.
  • Darauf folgt ein Lied, um dem Hörer Zeit zum Nachdenken zu geben.
  • Anschließend wird über die Hintergründe der „Zehn Gebote“ im Allgemeinen und über das zur Geschichte passende im Speziellen berichtet.
  • In der abschließenden Bewertung begründen die Teams die Passung ihrer Geschichte zum Gebot und reflektieren über den Aktualitätsgehalt für junge Menschen.

Dieses Vorgehen ist im Sinne der landläufigen religionspädagogischen Korrelationsdidaktik. Sie „versteht sich”, wie Albrecht Rieder es formuliert, “(…) als ein offener und kritischer Prozess, der versucht, Lebenserfahrungen der Schülerinnen und Schüler und Glaubensaussagen so im Unterricht aufeinander zu beziehen, dass sie sich wechselseitig erhellen“ (Rieder, Albrecht. Korrelationsdidaktik. In: Bosold, Iris; Kliemann, Peter. „Ach, Sie unterrichten Religion?“ Methoden, Tipps und Trends. München 2003. 76)

Religion und Film – Schaut nicht weg!
In dieser Unterrichtsreihe wurde durch die Initiative einiger Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse der höheren Berufsfachschule ein Film zum Thema „Zivilcourage“ gedreht. Mit diesem Medium wollen die Akteure gegen eine zunehmende Mentalität des Wegschauens in unserer Gesellschaft protestieren und an die Öffentlichkeit gehen. Die Rahmengeschichte, bei der ein Mädchen auf dem Heimweg von der Schule unter Beobachtung von Passanten in einen Busch gezogen und vergewaltigt wird, entwickelten sie in Religionslehre. Die filmische Auflösung fand hingegen im Fach Medienproduktion – Schwerpunkt Film – statt. Hierbei standen die Inhalte der didaktischen Jahresplanung im Zentrum: Kenntnisse über Dramaturgie, die Entwicklung eines Storyboards, Gestaltungselemente und -regeln im Film, der fachgerechte Umgang mit der Videokamera und die Post-Produktion. Meiner Meinung nach ist die Umsetzung einer Geschichte als Schauspiel oder Film von großer Bedeutung für den Religionsunterricht, da die Übernahme einer Rolle ganz besonders für ein Thema emotionalisiert. Die Schülerinnen und Schüler versetzen sich in die Lage der zu spielenden Personen und erleben dabei das Gefühl der Identifikation oder der Ablehnung. Gerade diese Gefühle bieten die Chance im Religionsunterricht in die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler einzutauchen.

Religion und Politik – Woher kommt die Welt?
Die Exposition des Filmes „Sofies Welt“ hat zu einer regen Diskussion innerhalb des Klassenverbandes im Abiturbildungsgang Kunst/ Englisch der Jahrgangsstufe 11 geführt. Viele Fragen, die ein Unbekannter der kleinen Sofie innerhalb des Filmanfangs gestellt hat, waren auch für die Schülerinnen und Schüler nicht eindeutig zu beantworten. Besonders die Frage, woher die Welt kommt, führte zu verschiedensten Entwürfen und Diskussionen im Religionskurs. Einige äußerten die Vermutung, dass Gott wohl nicht der Verursacher der Weltentstehung gewesen sei. Laut Aussagen einiger Schülerinnen und Schülern würden die meisten Jugendlichen nur noch an die Wissenschaft glauben. Ob dem tatsächlich so ist, wird die Klasse durch eine Schülerbefragung, die nach verschiedenen Items ausgewertet werden kann, klären. Hierbei soll stichprobenartig die persönliche Meinung zur religiösen Einstellung der Schülerinnen und Schüler des HBBKs erfragt werden. Der Fragebogen wird derzeit im Religionsunterricht entwickelt. Fest steht: Es wird einen allgemeinen und einen religionsspezifischen Teil zum Ankreuzen geben und drei Fragen, auf die mit einem Fließtext geantwortet werden kann. Im allgemeinen Teil soll die Einstellung zum Thema Gott und Religion erfragt werden. Hier soll ermittelt werden, ob Religion für die Jugendlichen überhaupt noch ein Thema ist. Im spezifischen Teil soll getestet werden, was die Schülerinnen und Schüler von ihrer Religion, der sie angehören, bzw. in die sie hinein geboren wurden, überhaupt wissen.

Im offenen Frageteil können eigene Theorien formuliert werden. Um geeignete Fragen und Antwortmöglichkeiten zu entwickeln, müssen sich die angehenden Abiturienten erst einmal über die verschiedenen Religionen informieren. Sie erarbeiten sich dafür im Unterricht die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der abrahamitischen Religionen. Das Verständnis für andere Religionen und der eigenen ist nicht nur für unsere multikulturelle Gesellschaft, sondern auch für einen multikulturellen und dialogsuchenden Religionsunterricht am Hans-Böckler-Berfufskolleg von besonderer Wichtigkeit. Ebenfalls nehmen die Schülerinnen und Schüler Einendes und Trennendes zwischen den christlichen Konfessionen in den Blick. Im Politikunterricht sollen demnächst zusammen mit dem Lehrer Ansgar Plassmann die Fragen optimiert werden. Die Schülerinnen und Schüler bekommen dort tiefere Informationen zum Thema Befragung als Methode in der Sozialwissenschaft. Im Anschluss ist eine kleine Ausstellung geplant, in der die ausgewerteten Statistiken und die vielseitigen Antworten auf die offenen Fragen präsentiert werden sollen. Die Ergebnisse der Umfrage werden bestimmt neue Fragen und spannende Diskussionen im weiteren Unterrichtsgeschehen aufwerfen. Vielleicht bilden sie sogar die Basis für neue Projekte, um die Kluft zwischen Schule und „wahrem Leben“ zu überbrücken.

Dass sich Projekte zu einem solchen Brückenbau eignen, habe ich zumindest in den hier beschriebenen Unterrichtsvorhaben feststellen können.

Autor:
Dipl.-Ing. Patrick Fritz, StR z.P.

Unterrichtet Religion und Gestaltungstechnik mit dem Schwerpunkt Audiovisuelle Medien. Er ist Mitbetreuer der Schulband und des Schulradios. Ebenfalls ist er mitverantwortlich für die regelmäßig stattfindenden Gottesdienste in der Schule.


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Religion und Radio
Produktion einer Radiosendung für das „Studio28“, Schulradio des Hans-Böckler-Berufskollegs, über die „Zehn Gebote“.

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Religion und Film – Schaut nicht weg!
In dieser Unterrichtsreihe wurde durch die Initiative einiger Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse der höheren Berufsfachschule ein Film zum Thema „Zivilcourage“ gedreht.

Religion und Politik – Woher kommt die Welt?