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Gelernt ist gelernt

In den Fluren des HBBK herrscht emsige Betriebsamkeit. In Weiß und mit einem roten „K“-Logo geschürzte Schülerinnen laufen mit einem Teewagen Richtung Pausenhalle. Wieder eine von vielen Veranstaltungen, wie erst kürzlich für 120 Personen. „Toll“, denke ich, was die Schülerinnen und Schüler wieder kreiert haben und schaue mit Bewunderung auf die phantasievoll, mit Kräutern aus unserem Schulgarten dekorierten Snacks. Da würde jeder gern zugreifen und probieren – aber das geht natürlich nicht.

Es wird Zeit. Auf zum schuleigenen Café Relax, ein arbeitspädagogisches Projekt unserer Schule. Hier werden unsere Schülerinnen und Schüler der Hauswirtschaft an selbständiges und eigenverantwortliches Arbeiten und Lernen herangeführt. Betreut von den Kolleginnen und Kollegen der Hauswirtschaft: Lehrkräfte, Hauswirtschaftsmeisterinnen, Küchenmeister. Im Café angekommen, empfangen mich unsere Schüler – lächelnd, aufmerksam. Gekleidet in bordeauxroten Schürzen und den silberfarbenen Café-Relax-Logo darauf, die Haare hochgesteckt, Einmal-Handschuhe tragend. „Was wünschen Sie, bitte?“. „Einen Café Créma, bitte und ein Kutscher-Brötchen mit Käse und Salat“. „Die Kaffee-Maschine dürfen wir noch nicht bedienen, aber Ihr Brötchen ist schon bestellt“! - Gelernt ist gelernt.

Nach einem kurzen Pläuschchen an der Theke mit der Café-Leiterin wird es Zeit für den Rückweg, die nächste Stunde soll pünktlich beginnen. Im Weggehen begriffen, erinnere ich mich an die Einrichtung vor 3 Jahren: Dunkel sah es hier aus; dunkle, grün gepolsterte Stühle, die kernschwarze Kiefertische umringten. Und heute? Kolorierte, an die einzelnen Bereichs-Farben angepasste Tische. Vorsichtig gehen die sich in diesem beliebten Pausentreffpunkt aufhaltenden „Kunden“ mit den hochwertigen, hell-buchenfarbenen Stühlen um. Ein Schüler der Hauswirtschaft wischt noch kurz über einige der neutral-grau gepolsterten Sitze, damit diese wieder sauber für die nächste Pause bereit stehen.

Den Campus des HBBK durchschreitend erinnere ich mich noch an den Beginn dieses Projektes im Jahr 2005. Da war das „Relax“, wie es liebevoll von den Schülerinnen und Schülern bezeichnet wird, noch eine Besenkammer. Da hieß es noch bescheiden „Bistro Relax“ mit Sitz an der Kampstraße und steckte sprichwörtlich in pädagogischen „Kinderschuhen“. Viel hat sich seitdem geändert. Das Lernfeldkonzept wurde umgesetzt und mit dem Café Relax konnten wir nun unserem Anspruch auf einen ‚echten Handlungsplatz‘ vor Ort gerecht werden. Wir nennen dieses nun ein arbeitspädagogisches Projekt. „Arbeitspädagogik" steht hier für "lebensbegleitendes Lernen". Die Jugendlichen erfahren in diesem Projekt, wofür sie lernen und arbeiten. Insbesondere geht es hier um die individuelle, aber auch um die berufliche Förderung. Und wenn es mal nicht so rund läuft, werden verstärkt Sozialarbeiter eingebunden und weitere, berufsnahe Reglements ergriffen – eben ein Gesamtkonzept, welches permanent weiterentwickelt wird – Schritt für Schritt.

In der Pausenhalle werde ich durch vorbei huschende Hauswirtschaftsschülerinnen wieder aus meinen Erinnerungen gerissen. „Aha, unsere Servicekräfte sind nun dran“ – schwarzer Rock, bordeauxroter Vorbinder. Die weiße Bluse trägt das Namensschild „Service“ der Hauswirtschafts-Küchen. „Wie verändert berufliche Kleidung unsere Schülerinnen“ denkend, schaue ich auf den neuen Innenhof-Schulgarten. Wunderschön gediehen, die Bohnen, Erbsen, Kartoffeln und Möhren. Aber ein richtiges gustatorisches „Schmuckstück“ sind die beiden hüfthohen Kräuterbeete. Sogar „Stevia rebaudiana“ wächst hier. Heute bekannt als DAS neue alternative Süßungsmittel. Alles gepflegt und gehegt von förderungsbedürftigen Jugendlichen unter Betreuung der Kolleginnen und Kollegen aus der hauswirtschaftlichen Fachpraxis. Tolle Leistung! Ich schaue dem Schulgarten gegenüberliegend noch mal schnell in die Kojenküchen rein – „Keine Zeit“ schallt es, „für nix“. Eifrig werden gerade Kuchenstücke – ich glaube es sind Mandelschnitten – exakt in 16x16 große Stücke geschnitten. In einer anderen Koje werden noch schnell Quarkspeisen in Dombechern verziert. „Die müssen jetzt raus“ gibt die Fachpraxislehrerin Anweisung an die Serviceleute. Schnell, aber behutsam rollen nun Teewagen mit Kuchenstückchen und Quarkspeisen an mir vorbei. „Finger weg“ heißt von einer Schülerin mit einem Blinzeln in den Augen – „wir dürfen ja auch nicht“ - Gelernt ist gelernt.

Selbstständig, selbstbewusst und eigenverantwortlich – das ist es doch, was wir den Jugendlichen näher bringen wollen … gut so, weiter so, das Konzept scheint mehr und mehr aufzugehen. Mit den Zertifikaten, die der Klasse H-BGO eigentlich durch die Fachpraxis-Kollegen überreicht werden sollten, gehe ich wieder. Ach ja, die Zertifikate. Sie sind begehrt, sie weisen nach, dass unsere Schülerinnen und Schüler alle Kompetenzstufen im Café Relax erfolgreich durchlaufen haben. Neben den Praktikumsbescheinigungen werden diese Zertifikate gerne den Zeugnissen beigefügt. Das freut nicht nur unsere Jugendlichen, sondern auch potenzielle Arbeitgeber. Sie erkennen damit, dass die Jugendlichen bereits berufliches Handeln erfahren haben. Denn es wird viel Wert gelegt auf Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit. Das sind einige von vielen Schlüsselqualifikationen, die sich die Schülerinnen und Schüler im Café und in den Küchen aneignen, in einem Jahr, zwei oder auch in drei Jahren.

Ich gehe ins Lehrerzimmer - mein Magen knurrt nach den vielen hervorragend angerichteten Speisen. Wäre doch schön, wenn es einen Bestellservice gäbe. Bestellte und von unseren Schülerinnen und Schülern produzierte und angelieferte Zwischenmahlzeiten können nun auch im Lehrerzimmer entgegen genommen werden. Es ist eben wenig Zeit zwischen den Stunden … Da würde ein Hol- und Bringeservice in jeder Pause zusätzliche Anreize für die Lernfeldkonzeption bieten. Lässt sich bestimmt einrichten, … irgendwie, irgendwann … Wer weiß…..

Autor:
Ludger Bockhorst, StD

unterrichtet die Fächer Ernährungslehre, Hauwirtschaft und Biologie am Hans-Böckler-Berufskolleg und ist gleichzeitig zuständig für Koordination der hauswirtschaftlichen Bildungsgänge.
Zudem ist er als Fachleiter für Ernährung- und Hauswirtschafts- wissenschaften am Zentrum für schulpraktische Lehrerbildung Gelsenkirchen tätig.

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Innenhof-Schulgarten: Bohnen, Erbsen, Kartoffeln, Möhren und Kräuterbeete

Frisches Gemüse und Kräuter werden aus dem schuleigenen Garten geholt

Die Schülerinnen und Schüler aus dem Berufsgrundschuljahr bereiten in den Schulküchen die Speisen vor