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Lehrer als Filmmoderatoren – Filmmoderatoren als Lehrer?

Film in der Schule – na klar! Mal als Ergänzung zu einer Lektüre, nach der Klausur oder auch kurz vor den Ferien ist der Film ein gern gesehenes Medium. Inzwischen hat der Film in unserer Gesellschaft jedoch einen neuen Stellenwert erreicht. Er gilt als ein Leitmedium des 21. Jahrhunderts und hat somit auch eine besondere Bedeutung für die schulische Bildung.

Deshalb haben "FILM+SCHULE NRW" zusammen mit dem Dezernat für Lehrerfortbildung bei der Bezirksregierung Münster eine Fortbildungsoffensive gestartet. Die Filmfortbildung bedient eine große Nachfrage nach Moderatoren, die in der Lage sind, filmbezogene Lehrerfortbildungen für ihre Unterrichtsfächer anzubieten. Gleichzeitig wird ein Beitrag zur Unterrichtsentwicklung geleistet. Die ausgebildeten Filmmoderatoren können beispielsweise Fortbildungen zur Filmanalyse im Unterricht, zur Filmproduktion und zur Dramaturgie anbieten und dabei insbesondere die Bedeutung der Filme und Bilder im Hinblick auf die Urteilsbildung berücksichtigen. Die große Nachfrage an Fortbildungen zum Thema Film ist der Tatsache geschuldet, dass das bewegte Bild eine immer größere Bedeutung für die Vermittlung von Weltwissen hat. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, junge Menschen auf den Umgang mit diesem Medium vorzubereiten.

Bei Galileo hab’ ich gesehen...
Gerade der Film - via Fernsehen oder Internet omnipräsent - gilt als allgewaltiges Mittel der Meinungsbildung und Wissensvermittlung. Aber es sind auch Bilder von wehenden Fahnen vor dem EU-Parlament in Brüssel, Großdemonstrationen in Madrid und Athen sowie die tägliche DAX-Kurve, mit denen uns die Nachrichtensendungen die Eurokrise erklären wollen; Bilder hungernder Kinder berühren uns und animieren uns zu Spenden; der Amerikabesuch gerät zum Déjà-vu-Erlebnis, weil uns sowohl die Straßen von San Francisco als auch die Kultur der Native Americans aus allerlei Spielfilmen bekannt sind. Doch können wir all diesen Bildern trauen, die unsere Meinungs- und Urteilsbildung beeinflussen?

Diese Frage kann nur dann sachgerecht beantwortet werden, wenn die Fähigkeit entwickelt wird, im Film vorhandene Informationen wahrzunehmen, sie kritisch zu hinterfragen und so ein möglichst realitätsnahes Bild des Geschehenen zu erstellen.

Schüler und Schülerinnen als medienkritische Bürger
Insbesondere Lehrerinnen und Lehrer sollten diese Kompetenz besitzen, denn schließlich geht es darum, den jungen Menschen das Handwerkszeug mit auf den Weg in die Welt zu geben, das sie benötigen, um sich zu mündigen, selbstbewussten aber auch medienkritischen Bürgern zu entwickeln. Da das bewegte Bild in allen Lebensbereichen eine dominierende Rolle spielt, ist diese Bildlesekompetenz und deren Vermittlung wichtig für Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer.
Vor diesem Hintergrund wurde von FILM_SCHULE NRW diese Fortbildung entwickelt, die im Schuljahr 2011/12 zum ersten Mal stattfand und nun jährlich angeboten wird. An dieser „Premiere“ nahmen auch die Autorin sowie der Kollege Patrick Fritz des Hans-Böckler-Berufskollegs teil, da für das HBBK Medien- bzw. Filmbildung integraler Bestandteil von Unterricht ist. Um diesen integrativen Ansatz qualifiziert durchführen zu können, ist eine entsprechende Ausbildung notwendig, die mit dem Fortbildungsangebot zum Filmmoderator erworben werden kann.

Acht Module und viele Referenten
Die Fortbildung wurde und wird unter der Leitung von Dr. Ines Müller von Film+Schule NRW als gemeinsame Initiative des Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW und des LWL-Medienzentrums für Westfalen durchgeführt. Seit 2008 arbeitet FILM+SCHULE NRW als landesweite Serviceagentur mit dem Ziel, Lehrkräfte praxisnah zu unterstützen, Filmbildung systematisch in den Unterricht der nordrhein-westfälischen Schulen zu integrieren und so einen konkreten Beitrag zur Qualitätsverbesserung von Unterricht zu leisten.
Insgesamt gliedert sich die Fortbildung in die acht Module der Filmbildung, Filmanalyse, Filmgeschichte, Filmproduktion, Postproduktion, Film in der Mediengesellschaft, Filmvermittlung und ein Abschlusskolloquium. Fachreferenten wie Uli Blömker (Regisseur, Produzent und Filmlehrer), Leo Hansen (Journalist und Filmlehrer), Uschi Herzog (Cutterin und Filmlehrerin), Hubert Schick (Kameramann beim WDR), Ernst Schreckenberg (Filmwissenschaftler und Filmpädagoge) und nicht zuletzt Ines Müller als Kamerafrau und Filmlehrerin unterstützen die Fortbildung mit ihrer Fachkompetenz. Veranstaltungsorte sind der LWL in Münster, der WDR in Köln und das HBBK in Marl.

Praxisbezug
Das HBBK in Marl verfügt über eine außergewöhnlich gute technische Ausstattung, sodass die aus ganz NRW stammenden Teilnehmer dort beispielsweise unter der Anleitung von Kameramann Hubert Schick in den Umgang mit der Kamera und die Geheimnisse des Drehens eingeweiht wurden. Uschi Herzog als ausgebildete Cutterin unterstützte die Teilnehmer in Sachen Filmschnitt; eine Arbeit, die sehr viel Geduld und Fingerspitzengefühl verlangt. Ein ganz besonderer Höhepunkt war der Besuch der WDR-Studios in Köln. Die Besichtigung der Produktionshallen der „Lindenstraße“ (das Sofa der Beimers ist recht bequem) stand auf dem Programm sowie der Besuch einer Aufzeichnung der Fernsehsendung „Zimmer frei“ mit Götz Alsmann. Die Fortbildungsteilnehmer durften einen halben Tag lang in den Katakomben des WDR die Produktion einer „Brennpunkt“-Sendung inklusive Drehen, Ton, Moderation (mit Maske!) und Regie übernehmen. Wie kompliziert eine solche Produktion und wie wichtig dabei Teamwork ist, wird den Teilnehmern dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Dass eine „Bauchbinde“ kein Verband nach einer Blinddarm-OP ist, sondern der kurze Info-Text mit Namen und Position des Sprechenden am unteren Bildschirmrand, ist nur einer der wenigen Informationszugewinne.

Eigener Film
Das große Finale fand in der ersten Sommerferien-Woche im HBBK statt. Alle erlernten Film-Fähigkeiten wurden nun umgesetzt und angewendet, indem die Fortbildungsteilnehmer in Gruppen einen eigenen Film planten, drehten und anschließend selbst schnitten. Eine große Herausforderung, die alle bisher im Rahmen der Fortbildung erworbenen Kompetenzen vereinte. Bei der Präsentation zeigten sich die Experten Uschi Herzog und Ines Müller durchaus zufrieden.

Medium Film im Klassenzimmer
Nach einem Jahr Intensiv-Fortbildung sind die Teilnehmer nun zertifiziert, selbst filmbezogene Lehrerfortbildungen anzubieten. Als Multiplikatoren können sie das Netzwerk der Filmbildung ausbauen und eine Unterstützung leisten, dem Medium Film die Klassenzimmertüren zu öffnen.
Einen Spalt breit sind die Türen am HBBK bereits geöffnet und das nicht nur kurz vor den Ferien oder nach Klausuren: In der Pausenhalle sind öfter Schülerinnen und Schüler mit Kameras zu beobachten. Sie drehen Filme über Matritzenrechnung im Fach Mathematik oder das hexadezimale Zahlensystem. Sie produzieren Werbefilme in Englisch, erklären das Simple Past oder den Unterschied zwischen „das“ und „dass“ durch ein youtube-video. Im Fach Deutsch wird Eichendorffs „Taugenichts“ filmisch in das Jahr 2012 transponiert oder ein Trailer zu Anna Seghers’ Roman „Das Siebte Kreuz“ produziert. Mit und durch dieses Gestalten, Verbreiten, Analysieren und Evaluieren von (eigenen) Medienbeiträgen können Schülerinnen und Schüler Medien- und Filmangebote besser verstehen und bewerten. Sie lernen, wie Bilder beeinflussen können.

Autorin:
Katja Täuber StR’ zA

MA in Germanistik, Anglistik, Soziologie, unterrichtet Englisch und Deutsch am Hans-Böckler-Berufskolleg und ist ausgebildete Filmmoderatorin sowie Fremdsprachenkorrespondentin. Zudem ist sie zuständig für die IHK-Prüfung Zusatzqualifikation für kaufmännische Auszubildende im Fach Englisch.


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WDR-Kameramann Hubert Schick erklärt das manuelle Schärfeziehen

Zertifizierte Filmmoderatoren für NRW