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Schülerfeedback und Kollegiale Unterrichthospitation als Beiträge zur Unterrichtsentwicklung

Im Jahr 2006 gehörte das Hans-Böckler-Berufskolleg zu einer der beiden Schulen in der Bezirksregierung Münster, in denen die Instrumente der neu konzipierten Qualitätsanalyse (QA) als „Pre-Test“ erprobt wurden. Unterrichtsbesuche fanden dabei lediglich in den Bildungsgängen der Anlagen A und C der Ausbildungs- und Prüfungsordnung Berufskolleg (APO-BK) statt. Diente das Verfahren zwar in erster Linie der Erprobung der Analysewerkzeuge, stellt die Bezirksregierung dem Kollegium dennoch die Untersuchungsergebnisse als Impuls für die zukünftige Schulentwicklung zur Verfügung. Neben Stärken in den Bereichen Prozessqualität und Lernatmosphäre zeigte der Bericht aber auch Entwicklungsbedarf in der Dimension „Prozessqualität von Unterricht“ auf. Explizit kritisiert wurden die zu geringe Kommunikation der Lernenden untereinander und eine zu gering ausgeprägte Orientierung an vollständigen Handlungsprozessen im Unterricht .

Impulse durch die Qualtitätsanalyse
Als Reaktion stellte das Kollegium des Hans-Böckler-Berufskollegs in den folgenden Jahren die Verbesserung der Qualität von Unterricht in den Mittelpunkt der Schulentwicklungsarbeit. Dabei gehen wir von dem Grundverständnis aus, dass erfolgreiche Unterrichtsentwicklung vornehmlich in den 40 Bildungsgangteams stattfinden muss. Als erster Schritt wurde daher eine strukturell-organisatorische Stärkung dieser Organisationseinheiten eingeleitet. Dazu gehörten u.a. die Qualifizierung aller Bildungsgangkoordinatoren/innen für ihre Leitungsaufgabe, die Stärkung ihrer Position im Gesamtgefüge der Schule und eine regelmäßige und verbindliche Zusammenarbeit dieser mittleren Führungsebene der Schule mit der Schulleitung. Als Beitrag zu einer größeren Nachhaltigkeit wurden möglichst dauerhaft bestehende Bildungsgangteams gebildet. Diesen Teams wurde die Ausgestaltung der Bildungsarbeit mit hoher Autonomie auf der Basis verbindlicher schulweiter Absprachen übertragen. Der Autor dieses Berichtes wurde mit der schulweiten Leitung des Bereichs „Unterrichtsentwicklung“ beauftragt. Zahlreiche Schwerpunkte, die hier nicht benannt werden sollen, bestimmten in den Folgejahren die inhaltliche Arbeit in diesem Entwicklungsfeld.

Einflussfaktoren auf Lernerfolge von Schülern – Ein Beitrag der Wissenschaft
Es gibt hunderte von Untersuchungen zu den Faktoren, die Einfluss auf Lernerfolge von Schülerinnen und Schülern haben und sicher ebenso viele Meinungen darüber. Eine der größten Metastudien zu diesem Thema liegt von dem Neuseeländer John Hattie vor. Er wertete 50.000 Studien zu diesem Thema aus und wies nach, welchen Einfluss z.B. die Größe einer Lerngruppe, die Menge und Qualität von Hausaufgaben oder die finanzielle Ausstattung einer Schule auf den messbaren Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern haben. Verblüffender Weise konnte für diese Faktoren nur ein geringer oder mittlerer Einfluss nachgewiesen werden. Als Faktoren mit dem größten Einfluss erwiesen sich dagegen die Beseitigung von Unterrichtsstörungen (classroom management), die positiv gestaltete Beziehung von Lehrkräften und Schülern (Teacher-student relation-ships) und ebenfalls mit sehr hoher Wirkung der Einsatz von Feedback-Verfahren.

Zur Verminderung von Unterrichtsstörungen wurde schon 2009 ein eindeutiger und verbindlicher Schulvertrag eingeführt. Seit zwei Jahren steht ein täglich betreuter Trainingsraum zur Verfügung, den Schülerinnen und Schüler dann aufsuchen müssen, wenn sie den Unterricht ihrer Klasse nachhaltig negativ beeinflussen. Beide Maßnahmen zeigen erste Erfolge. Die gute Beziehung zwischen Lehrkräften und Lernenden werden uns in allen Schülerbefragungen seit 2004 immer wieder bestätigt. Die Schülerinnen und Schüler werden von ihren Lehrkräften gut behandelt und fühlen sich in daher der überwiegenden Zahl bei uns sehr wohl!

Feedback-Verfahren als Motoren der Schul- und Unterrichtsentwicklung
Die vielfältigen Möglichkeiten des Feedbackgebens und -nehmens beziehen sich auf unterschiedliche Zielgruppen und werden am Hans-Böckler-Berufskolleg auf verschiedenen Ebenen genutzt. So holte ein großer Organisationsbereich der Schule ein Feedback der betrieblichen Partner in der dualen Berufsausbildung ein und konnte neben überwiegend positiven Rückmeldungen wichtige Impulse für die weitere Entwicklungsarbeit aus der Befragung ziehen. Eine Wiederholung und Übertragung auf andere Fachbereiche der Schule ist geplant. Neben den Betrieben sind natürlich die Lernenden wichtige Partner in einem solchen inhaltlichen Entwicklungsprozess.

SEfU – ein Instrument der Partizipation von Schülerinnen und Schülern Bestens zusammengefasst sind die Gründe, die für ein Einholen eines Schülerfeedbacks sprechen, in einem Aufsatz der Uni Bremen. Dort heißt es: „Schülerfeedback gibt Informationen über die erwünschten und unerwünschten Auswirkungen des eigenen Handelns. Schülerfeedback konfrontiert uns mit den Erwartungen, der Sichtweise und den Erfahrungen der Betroffenen. Schülerfeedback hilft, blinde Flecken und Verzerrungen in der Eigenwahrnehmung des Handelns aufzudecken. Schülerfeedback dient als Ergänzung und Unterstützung der Selbstbeurteilung“

“SEfU – Schüler als Experten für Unterricht“ ist ein internetgestütztes Projekt der Friedrich-Schiller-Universität, Jena. Die Lehrkraft meldet sich und ihre Klasse online an, legt ein Start- und Enddatum für die Befragung fest, gibt wenige Grunddaten ein und erhält für jede Schülerin und jeden Schüler ein Passwort, das zur Wahrung der Anonymität der Befragung über die Klassensprecher verteilt werden sollte. Außerdem beantwortet die Lehrkraft selber 41 Aussagen, die wesentliche Aspekte zum eigenen Unterricht abdecken. Die Schülerinnen und Schüler werden anschließend gebeten, zwei Einschätzungen zu den gleichen Aussagen über diesen Unterricht vorzunehmen: einmal ihr subjektives Erleben des jeweiligen Unterrichtsaspektes und zum anderen die Wichtigkeit des Aspektes für sie. Außerdem hat jede Schülerin und jeder Schüler Gelegenheit, mit eigenen Worten zurückzumelden, was ihr bzw. ihm am Unterricht bei der Lehrperson besonders gut gefällt bzw. was er oder sie sich anders wünschen würde. Nachdem SEfU auf einer Konferenz aller Bildungsgangkoordinatoren/innen der Schule im März 2011 vom Verfasser vorgestellt wurde, erlebte dieses System eine sehr schnelle Verbreitung an der Schule.

Von ihren Erfahrungen mit SEfU berichtet die Kollegin Christina Lietz, Koordinatorin eines Medienbildungsgangs:
„Die M-BFS (Einjährige Berufsfachschule Medien und Kommunikationstechnik) hat SEfU am Hans-Böckler-Berufskolleg als einer der ersten Bildungsgänge auf freiwilliger Basis durchgeführt. Die Anwendung ist kinderleicht. Jede Lehrkraft benötigt zunächst einen persönlichen Login. Anschließend muss die Lehrkraft ihren Fragebogen online ausfüllen. Die Beantwortung der Fragen erfolgt dabei völlig anonym und kann sowohl in der Schule als auch von Zuhause erfolgen. Für das Ausfüllen des Fragebogens müssen ca. 20 Minuten investiert werden. Nachdem die Lehrkraft ihre Fragen beantwortet hat, wird auch für den Schüler/die Schülerin der Feedbackbogen freigeschaltet. Eine Unterrichtsstunde von 45 Minuten ist völlig ausreichend, um das Feedback der Schüler im Klassenverband in einem PC-Raum der Schule zu erhalten. Danach wird innerhalb von 24 Stunden vom System das Ergebnis in Form eines anonymisierten Evaluationsberichts bereitgestellt. Lehrkräfte des Bildungsganges M-BFS, die die Befragung durchgeführt haben, empfanden das System als sehr angenehm und wenig zeitintensiv. Zudem konnten sie lehrreiche Schlüsse aus dem Ergebnis ziehen und diese konstruktiv umsetzen. Aus diesem Grund wurde das Evaluationssystem SEfU als fester Bestandteil in den Bildungsgang integriert.“ Die Erfahrung dieser Kollegin und ihres Bildungsgangteams wird von vielen Teilnehmenden bestätigt. Anders als vielleicht befürchtet, decken sich die Wahrnehmung der Stärken und Entwicklungsfelder der Befragten und der Lehrkraft in ganz vielen Fällen. Die überwiegende Zahl der Lehrkräfte erlebte die Rückmeldungen als Bestätigung des eigenen Unterrichtens und persönliche Stärkung in der Lehrerrolle. Die Anregungen wurden überwiegend als konstruktiv und nützlich erlebt. Als besonders wichtig und häufig ermutigend wurden die in freien Texten verfassten Kommentare erlebt.

Kollegiale Unterrichtshospitation als „siamesischer Zwilling“ des Schülerfeedbacks
Eine Lehrkraft, der eine Schülerbefragung Entwicklungsfelder für den eigenen Unterricht aufgezeigt, wird sich aus professionellen Verständnis heraus um eine Veränderung bemühen. Hier könnte nach Überzeugung des Autors eine Beratung und Begleitung durch eine/n Kollegen/in des Vertrauens eine wichtige Unterstützung darstellen. Natürlich kann das nachfolgend beschriebene Instrumentarium auch unabhängig von einer vorhergehenden Schülerbefragung genutzt werden. Auf der Basis eines Beschlusses im aktuellen Schulprogramm entwickelte eine Gruppe von Lehrkräften aus allen Bereichen der Schule zu diesem Zweck einen Werkzeugkoffer und Vereinbarungen zur Durchführung „Kollegialer Unterrichtshospitationen“. Das Instrumentarium steht dem Kollegium seit Beginn dieses Schuljahres zur Erprobung zur Verfügung. Ein/e Lehrer/in sucht sich eine Lehrkraft des Vertrauens (Kritische/r Freund/in) aus, legt mit dieser Person einen konkreten Aspekt des vielfältigen Geschehens im Unterricht als Beobachtungsgegenstand fest und lädt seine Vertrauensperson zu einem Unterrichtsbesuch ein. Im Werkzeugkoffer stehen Beobachtungsbögen mit Items zur Verfügung, die zum gewählten Beobachtungsgegenstand passen. Im sich möglichst sofort anschließenden Beratungsgespräch wird die Stunde gemeinsam reflektiert und evtl. eine weitere Zusammenarbeit vereinbart. Erste Erfahrungen aus dem Kollegium zeigen ein ähnlich positives Echo wie nach der verstärkten Nutzung von SEfU.

Von der freiwilligen Nutzung zum verbindlichen Beschluss?
Dem Autor war die Freiwilligkeit bei der Einführung und Erprobung der beschriebenen Instrumente wichtig. Er ist davon überzeugt, dass positive Erfahrungen entstehen und im Kollegium kommuniziert werden. Auf diesem Weg, so die Erwartung, wird die Nutzung der beiden Instrumente für die persönlich-professionelle Entwicklung positiv besetzt. Evtl. vorhandene Ängste werden durch positive Erfahrungen relativiert. Mehrere Bildungsgänge haben bereits verbindliche Beschlüsse zur Nutzung von Schülerfeedback und Kollegialer Hospitation gefasst, um gemeinsam die Qualität des Unterrichts in ihrem Bildungsgang weiter zu entwickeln. Zu einem späteren Zeitpunkt werden diese Erfahrungen systematisch evaluiert und hoffentlich schulweit verbindliche Beschlüsse zum Einsatz von Schülerbefragungen und Kollegialer Hospitation als Instrumente der professionellen Unterrichtsentwicklung am Hans-Böckler-Berufskolleg gefasst.

Autor:
Werner Plum-Schmidt, StD

Unterrichtet die Fächer Erziehungswissenschaften und Praxisausbildung bei den angehenden Erziehern/innen und ist Mitglied der erweiterten Schulleitung. Er ist schulweit zuständig für die Bereiche Unterrichtsentwicklung und Beratung. Außerdem führt er die Geschäfte des Hans-Böckler-Fördervereins und des Fortbildungsträgers „Chemkom e.V.“

Mitautorin:
Christina Lietz, StR’

Unterrichtet Deutsch, Politik, Gesellschaftslehre mit Geschichte am Hans-Böckler-Berufskolleg. Zudem ist sie Mitglied der Schulkonferenz.

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