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Moolaadé - Annäherung an einen Film

Nach wie vor ist die Schule der Schriftkultur verpflichtet und räumt dem Umgang mit dem Wort mehr Bedeutung ein als dem Umgang mit dem Bild. Dabei wird Weltwissen zum großen Teil in und über bewegte Bilder (Filmbilder), die allgegenwärtig und überall verfügbar sind, vermittelt. Alles, was im Bild gezeigt wird und wie es gezeigt wird, ist für die Bedeutungs- und Urteilsbildung elementar. Dies gilt auch oder vor allem für Themen, die uns eher fern sind, wie z.B. alles, was mit den Menschen und Ländern in Afrika, Asien oder auch Südamerika. Auch das Wissen darüber wird im Wesentlichen über Bilder in Nachrichtensendungen vermittelt und in der Regel sind das Katastrophenszenarien. Eine Möglichkeit, sich ein anderes Bild über diese Länder und Menschen zu machen, ist die Auseinandersetzung mit Spielfilmen aus diesen Ländern.

Moolaadé - Bann der Hoffnung
Es gibt wenige Filme, die in Eine-Welt-Ländern produziert wurden und die auch bei uns verfügbar sind. Moolaadé des Filmemachers Ousmane Sembene ist einer von diesen Filmen. In diesem Film geht es um vier siebenjährige Mädchen, die vor den Beschneiderinnen flüchten und bei einer Dorfrebellin Unterschlupf finden. Ihre Beschützerin hatte vor Jahren die eigene Tochter vor der Verstümmelung bewahrt und sich dadurch dauerhaft ins soziale Abseits befördert. Mooloaadé ist der Begriff für das in vielen afrikanischen Kulturen bestehende traditionelle Schutz- und Asylrecht. Sie wird durch mündliche Traditionen, Mythen und Legenden überliefert. Wer gegen sie verstößt, wird dem Abergauben nach vom Schicksal bestraft.

Die Auseinandersetzung mit diesem Film kann unter vielerlei Aspekten erfolgen. Zum Einen geht es hier um ein Menschenrecht, dass Mädchen und Frauen vor dem Verbrechen der Beschneidung geschützt werden. Zum Anderen kann es um das Leben in anderen Welten und Traditionen gehen und zudem zeigt dieser Film eine andere Art des filmischen Erzählens. Aber letztlich lassen sich diese Aspekte auch nicht von einander trennen, weil das Eine ohne das Andere nicht zu verstehen ist. Das gilt für den Zusammenhang zwischen Tradition und Geschlechterrolle ebenso wie für den Zusammenhang zwischen filmischen Gestaltungsmitteln und Filminhalt.

Selbstorganisiertes Lernen (SOL)
Einbinden lässt sich diese Unterrichtseinheit überall da, wo es um Menschrechte, Geschlechterrollen, Erzählstrukturen und Bildersprache geht - immer aber sind alle Aspekte von Bedeutung. Noch ein didaktischer Hinweis sei erlaubt. Im Sinne einer konstruktivistischen Herangehensweise macht es Sinn, sowohl die Vorerfahrungen der Lernenden zu berücksichtigen als auch die Suche nach einer eigenen Frage-stellung zu unterstützen. Der Lehrende sollte sich als Lernbegleiter verstehen und die Lernenden ermutigen, eine forschende Haltung einzunehmen mit dem Risiko, dass man auch mal einen Weg einschlägt, der nicht zum erwarteten Ziel führt.

Vor diesem Hintergrund scheint der Ansatz des Selbstorganisierten Lernens (SOL) nach Herold/Landherr sinnvoll. Ein wesentliches Ziel von SOL ist es, die Aktivitäten der Lernenden am Unterricht zu steigern. Dies kann nur durch sukzessive und durch eine allmähliche systematische Veränderung der Aktivitätsverteilung erfolgen. Die Aktivitäten der Lehrenden im Unterricht verringern sich zugunsten einer zunehmen-den Lernendenaktivität, was wiederum zu einer Steigerung der Lernkompetenz führt. Gleichzeitig ergeben sich für die Lehrenden mehr Freiräume für individuelle Lern-beratung und Förderung.
Die didaktisch-methodischen Grundlagen bilden drei Organisationsprinzipien, die für den Unterrichtsverlauf nach SOL konstituierend sind: Der Advanced Organizer, das Gruppenpuzzle und das Sandwichprinzip.

Der Advance Organizer
Ausgangspunkt für jedes SOL – Projekt ist das Thema mit seinen vielschichtigen Komponenten. Der Advanced Organizer - oder auch Lernlandkarte – ist eine Organisationshilfe, der die Lerninhalte visualisiert, idealerweise in einer nicht-linearen und nichthierachischen Struktur. In konzentrierter Form werden mit Hilfe von Gra-fiken, Bildern, Texten, Videos usw. wesentliche Inhalte und Zusammenhänge dargestellt. Der Advanced Organizer ist Beginn eines jeden Projekts, hilft die Stammgruppen zu organisieren und gibt Hinweise für die Expertengruppen.

Das Gruppenpuzzle
Dahinter verbirgt sich eine arbeitsteilige Organisation von Gruppenarbeit. In den Stammgruppen, die jeweils das Hauptthema bearbeiten, entscheiden sich die Lernenden für einen Aspekt, dem dann in Expertengruppen nachgegangen wird. Die Ergebnisse aus den Expertengruppen werden dann wiederum in die Stammgruppen eingebracht. Im vorliegenden Fall des Unterrichtsprojekts zum Film Moolaadè würde eine Expertengruppe sich z.B. mit den filmischen Gestaltungsmitteln auseinan-dersetzen, um dieses Grundlagenwissen dann in die Stammgruppe einzubringen, die sich mit der Figurencharakteristik beschäftigt. Grundlegendes Prinzip ist also ein Wechsel zwischen Experten- und Stammgruppen.

Das Sandwichprinzip
Die Wissensvermittlung und das Erforschen neuer Inhalte erfolgt nach dem Sandwichprinzip, dem Wechsel zwischen kollektiven und individuellen Lernphasen. Der systematische Wechsel zwischen diesen Arbeitsphasen schafft eine Struktur für eine sinnvolle Lernmethodenkombination zu der auch Vorträge der Lehrenden gehören können.

Im Unterrichtsprojekt zum Film Moolaadé ist der Advance Organizer (AO) zentraler Ausgangspunkt. Er dient dem Finden der Stammgruppen mit dem Ziel, dass die Lerngruppe gemeinsam ein Filmheft erstellt. Die Expertengruppen beschäftigen sich mit den Themen „filmische Gestaltungsmittel“, „Bildcodes“, „Kameratechnik“, „Recherchemethoden“. Für diese Expertenthemen sollte vom Lehrenden entspechendes Material bereitgestellt werden bzw. kann er auch in diesen Expertengruppen als Referent fungieren. Im Folgenden ist der Advance Organizer abgebildet und verlinkt. Er ist eine Möglichkeit, sich einem Film zu nähern getreu der Aussage von Alan Bergala: „Film kann man nicht lehren, man muss ihm begegnen.“

Lit: Herold, M. / Landherr, B. (2003): Selbstorganisiertes Lernen. Baltmannsweiler: Hohengehren

Ines Müller (Foto: Stephan Sagurna)

Autorin:
Dr. Ines Müller-Hansen

OStR’ und Dipl. Kamerafrau unterrichtet Film, Fotografie und Medienerziehung am Hans-Böckler-Berufskolleg in Marl. Zur Zeit ist sie freigestellte Lehrerin beim Projekt FILM+SCHULE NRW, einer gemeinsamen Initiative des Ministeriums für Schule und Weiterbildung NRW und dem LWL-Medienzentrum für Westfalen

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