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„Wenn einer stört, fliegt er raus!“oder ein Plädoyer für den konstruktiven Umgang mit Störungen

Seit über einem Jahr gibt es am Hans-Böckler-Berufskolleg einen sozialen Trainingsraum. Er wurde mit breiter Unterstützung eingeführt und bietet allen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, Unterrichtsstörungen jeder Art zu lösen, indem die betreffenden Lernenden des Klassenraums verwiesen und in den Trainingsraum geschickt werden. Noch immer ist die Hemmschwelle, dies zu tun bei vielen groß und für einige ist das Verfahren vielleicht auch zu umständlich. Da stellt das „Hinausschicken“ der Lernenden auf den Flur die einfachere Variante mit gleichem Effekt dar. Mit diesem Artikel soll gezeigt werden, dass im direkten Vergleich der Trainingsraum mehr ist, als ein pädagogisch verbrämtes „Rauschmeißen“ und einen deutlichen Mehrwert erbringt.

Unterricht in einer Klasse zu erteilen, bedeutet viele verschiedene Charaktere auf den Unterrichtsgegenstand zu fokussieren und zu gemeinsamen Anstrengungen zu motivieren. Private Krisen, Pausenerlebnisse, Sympathie und Antipathien und auch gruppeninterne Prozesse finden im Hintergrund statt und werden vom Lehrenden oft gar nicht wahrgenommen. Erst, wenn Lernende auffällig werden, ist der Lehrende gezwungen zu reagieren und solange er dies mit kurzen Ermahnungen beheben kann, funktioniert auch der Unterricht. Wenn dieses Repertoire nicht mehr ausreicht und Lernende wiederholt auffällig werden, kommt der Lehrende an eine Grenze, da er nicht mehr weiter unterrichten kann und die Ursache der Störungen nachhaltig beheben muss ohne die Klasse zu vernachlässigen. In dieser Situation erscheint oft ein Verweis aus dem Raum als probates Mittel:
Der Lernende verlässt die Klasse, eventuelle Nachahmer haben ein abschreckendes Beispiel und der Unterricht kann fortgesetzt werden. Dem Störer ist das Publikum genommen, er muss selbst für das Nachholen des Stoffes sorgen, was ihm zusätzliche Mühe macht und ihm vielleicht den Sinn des Unterrichts verdeutlicht. Aber noch viel mehr hat er Gelegenheit über das Geschehene nachzudenken. Aber tut er das auch? Und zu welchen Schlüssen kommt er? Ist es folgerichtig, dass er ein Fehlverhalten erkennt und das in Zukunft vermeiden will? Oder ist es für ihn am Ende nicht gar der ungerechte Lehrende, der nur ihn bestraft und alle anderen schont? Der bei Kleinigkeiten plötzlich überreagiert, obwohl es doch gar nicht schlimm war? Ein Lernender, der sich in dieser Art und Weise unfair behandelt fühlt, wird vermutlich eher weniger einsichtig sein und vielleicht noch nicht einmal reumütig auf dem Flur stehen, sondern aus Trotz z.B. ins Cafe gehen. (Was für den Lehrenden die nächste Regelverletzung ist und weitere Reaktionen nach sich ziehen muss…). Im Gegensatz dazu bietet die Arbeit im Trainingsraum einen Ansatz konstruktiv mit solchen Situationen umzugehen und im Anschluss allen Beteiligten eine Möglichkeit zu bieten, das persönliche Verhältnis positiv zu gestalten.

Zunächst einmal sind zuvor in der Klasse drei grundsätzliche Regeln festgelegt worden, die den Rahmen für alles weitere festlegen und nicht verhandelbar sind:

  • Jede/r Lernende hat das Recht ungestört zu lernen.
  • Jede/r Lehrende hat das Recht ungestört zu unterrichten.
  • Jeder muss stets die Rechte der anderen respektieren.

Mit diesen Regeln sollte jedem Lernenden deutlich sein, dass das eigene Verhalten nicht nur vom Lehrenden als störend empfunden werden kann und dass es auch keine Ausnahmen, wie z. B. schlechte Tage, geben kann. Dass auch fehlende Materialen das Lerntempo der restlichen Klasse reduzieren bzw. zu Störungen durch Abschreiben / Ausleihen etc. führen können, macht auch solche Vorkommnisse zu Störungen. Der Lehrende hat damit eine klare Grundlage und die Möglichkeit auch schon sehr frühzeitig, bei eher als harmlos eingestuften Störungen, zu reagieren. Er verwarnt die/den entsprechenden Lernende/n deutlich und gibt ihr/ihm die Möglichkeit evtl. sogar selbst zu entscheiden, ob der er/sie die Klasse verlassen will, indem er ihn/sie fragt: „Willst du dich an die Regeln halten oder in den Trainingsraum gehen?“ Dies kann gerade bei Lernenden, die bereits über eine hohe Selbstreflexion verfügen und sich z.B. in einer persönlichen Krise befinden, durchaus eine Alternative sein. Im Regelfall entscheiden sich die Lernenden aber für das Bleiben und damit für das Einhalten der Regeln. Ein weiterer Regelverstoß ist somit kaum noch durch den Lernenden zu diskutieren und muss, auch wenn sich Andere ebenfalls nicht regelkonform verhalten haben, die persönliche Konsequenz nach sich ziehen. Um den Lernenden dieses zu verdeutlichen, werden in der Sekundarstufe I auch tatsächlich gelbe Karten an den Platz der Schüler gelegt. Auch wenn es die Betroffenen im Moment gar als ungerecht empfinden, müssen sie die Klasse verlassen und mit einem Entsendebogen, der den Regelverstoß und die Eckdaten, wie Klasse, Raum usw. enthält, den Trainingsraum aufsuchen. Hierdurch ist die/der Lernende mit einem klaren Auftrag versehen, dem sie/er sich eigentlich nicht entziehen kann, denn die Uhrzeit des Regelverstoßes gibt Aufschluss darüber, ob sie/er den direkten Weg gewählt hat. Gleichzeitig bleibt sie/er beaufsichtigt, wodurch der erste kleine Mehrwert durch das Trainingsraum-Programm eintritt. Im Trainingsraum angekommen, hat die/der Lernende zunächst einmal die Gelegenheit, sich selbst zu sammeln und die eigene Sicht der Geschehnisse zu erzählen. Während dies für die Lernenden eine Gelegenheit ist, die sie sonst in der Klasse nicht bekommen, ist es für die Aufsicht im Trainingsraum die Herausforderung, die Wahrnehmung der Lernenden mit den Informationen des Entsendebogens in Einklang zu bringen. Es birgt die große Chance, dass fern von der Emotionalität der Situation in der Klasse, das Zusammenfassen des Geschehenen den Lernenden selbst bereits den Regelverstoß und die Auswirkungen auf die Klasse verdeutlicht. Gelingt das nicht, so versucht die Aufsicht zumindest den Lernenden entsprechend zu beruhigen. Er bekommt in jedem Fall einen sogenannten Reflexionsbogen, der fragengeleitet den Verstoß und die Konsequenzen verschriftlichen soll.

Ein vom Schüler ausgefüllter Reflexionsbogen

Insbesondere die Überlegungen, wie das sanktionierte Verhalten in Zukunft vermieden werden soll, sind dann Gegenstand eines weiteren Gesprächs zwischen Aufsicht und Lernenden. Hier wird nach Hilfen gesucht, die es den Lernenden ermöglichen sollen, das Verhalten nachhaltig zu beeinflussen und damit auch nach den Ursachen gefragt.

Die Trainingsraumaufsicht versucht im Gespräch eine neutrale Position einzunehmen und die Lernenden zu eigenen Lösungen anzuregen. Zum Teil treten hier, wenn die Lernenden es zulassen, die tatsächlichen Probleme zutage und ermöglichen, vielleicht mit Hilfe des Sozialarbeiters weitere Lösungen anzubieten.

An dieser Stelle tritt zum zweiten Mal ein Mehrwert auf und dieser gibt dem Raum seinen Namen, denn es wird trainiert sich selbst zu reflektieren. Ein Gespräch mit dem Lehrenden mit gleichem Effekt ist vor dem Hintergrund der eingangs erläuterten Umstände kaum zu erwarten.

Das Ergebnis dieser Überlegungen ist nicht nur ein kurzfristiges Nachdenken über das Ereignis, sondern auch eine schriftliche Vereinbarung, ein Verhaltensvertrag in Form eines Rückkehrplans, mit dem der Lernende zu seinem Lehrenden geht. Das Besprechen dieses Vertrags ermöglicht beiden auf eine sachliche Weise, wieder eine gemeinsame Basis zu finden und stellt gleichzeitig eine Dokumentation dar. Falls der betroffene Lehrer mit der Ausarbeitung nicht zufrieden ist, geht die/der Lernende noch einmal in den Trainingsraum zurück. Wenn beide den Vertrag durchgesprochen haben und dieser akzeptiert wird, geht die/der Lernende damit zum/zur Klassenlehrer/in, die/der ihn abheftet und so auch über die genauen Vorkommnisse informiert ist. Das Duplikat liegt im Trainingsraum und kann im Wiederholungfall herangezogen werden, um die Anzahl der Besuche zu dokumentieren und weitere Ordnungsmaßnahmen zu verhängen. Gleichzeitig kann überprüft werden, inwieweit sich der/die Lernende an den Vertrag gehalten hat, um hieraus Konsequenzen zu ziehen. Auch dies stellt einen Mehrwert dar, denn nicht nur in Ordnungsmaßnahmenkonferenzen liegen detaillierte Protokolle des Fehlverhaltens vor, sondern es wird verhindert, dass sich Lernende immer wieder herausreden. Sie müssen tatsächlich etwas ändern. Natürlich birgt das auch Schwierigkeiten. Selbstreflexion setzt Einsichtsfähigkeit und eigenes Interesse voraus. Lernende, denen ihre Schulbildung sowie das Verhältnis zum Lehrenden weitestgehend egal ist, lassen sich nicht auf ein Gespräch ein und blocken ab. Hier kann das Programm im besten Fall schleichend greifen, indem tatsächlich mehrfache Trainingsraumbesuche nötig werden und den Lernenden zunehmend auch weitere Konsequenzen verdeutlicht werden. Auch ein intensiveres Bearbeiten der Reflexionsbögen kann nicht erzwungen werden. Hier kommt es auf die Überzeugungskraft und Gesprächsfähigkeit der Aufsicht an, einen Hebel zu finden, um diese Schüler zu erreichen.
Im schlechtesten Fall verweigern sich die Lernenden komplett, aber es wäre auch illusorisch, anzunehmen, man könnte jede/n Lernende/n erreichen.

Vorrangiges Ziel kann es daher nicht sein, die Schüler/innen zu therapieren, sondern der Klasse ein ungestörtes Lernen zu ermöglichen. Durch die Dokumentation des Verhaltens fällt es aber deutlich leichter, entsprechende Ordnungsmaßnahmen einzuleiten.

Fazit: Solange es einige Lernende gibt, die durch entsprechende Anregung ihr Verhalten besser kontrollieren lernen, bringt der soziale Trainingsraum deutliche Vorteile gegenüber dem Verweis aus der Klasse. Die Lerngruppe wird vor Störungen geschützt, die Lehrer haben ein sicheres und moralisch einwandfreies Instrument und die entsendeten Schüler die Chance, ihre Sozialkompetenzen dauerhaft zu verbessern.
Je früher und intensiver der Raum genutzt wird, desto größer die Chance nachhaltige Erfolge zu erzielen.

Autor:
Christian Lenschen

unterrichtet die Fächer Wirtschaft und Bürokommunikation/Organisation am Hans-Böckler-Berufskolleg in Marl und ist Mitglied des Trainingsraumteams.

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